Die Vertriebenengeschichte meiner Großmutter

 

Meine Großmutter lebte in Oberlichwe, Kreis Landskron, Regierungsbezirk Trappan Ostsudetenland. Meine Urgroßmutter war als Hausfrau, und mein Urgroßvater als Färber sowie zusätzlich als ehreamtlicher Gemeindechronist in Oberlichwe tätig.

Den Posten als ehrenamtlicher Gemeindechronist erhielt mein Urgroßvater auf Grund seiner Vielseitigkeit und teilweise schweren Verletzungen aus dem ersten Weltkrieg. Kurz nach dem Zerfall des Deutschen Reiches, (meine Großmutter war damals 12 Jahre alt) wurden die deutschen Männer, die nicht in Kriegsgefangenschaft geraten waren, sondern zuhause geblieben waren von den Tschechen auf einem Platz zusammen getrieben und dann allesamt eingesperrt. Dies war besonders für meine Urgroßeltern und meine Großmutter sehr schlimm, da mein Großvater schon im Ersten Weltkrieg in Gefangenschaft in Italien war. Morgens um 3 Uhr wurde ihr gesamtes Dorf umstellt und die dort wohnenden Menschen aus Ihren Häusern und Wohnungen zusammen getrieben wie die Tiere. Teilweise trugen sie nur Unterwäsche, da sie aus dem Schlaf geholt wurden. Sie wurden in 3 Teilen aufgeteilt. Der erste Teil wurde nach Hessen gebracht, der Zweite nach Ostdeutschland und der dritte Teil nach Bayern. Meine Urgroßmutter sowie meine Großmutter befanden sich bei dem dritten Teil der nach Bayern gebracht wurde. Jeder durfte nur 50 Kilo Handgepäck mitnehmen und so musste sogar die einzige Puppe die meine Großmutter besaß zurückbleiben. Denn Betten und Kleidung waren wichtiger. Sie wurden für zwei Wochen in ein Auffanglager nach Willenschwert gebracht (heute Ustinat Orlici).

Dort lebten sie die ganzen zwei Wochen bei Wasser und Brot. Nach zwei Wochen wurden sie alle in Viehwaggons verfrachtet und nach Bayern gebracht. Die Fahrt die meinen Urgroßmutter und meiner Großmutter endlos erschien dauerte ganze zwei Tage.

Dann kamen sie endlich in Furth am Walde an. Dort gab es zu Begrüßung vom Deutschen Roten Kreuz eine Kartoffelsuppe, von der meine Großmutter heute noch sagt das es die Beste war was Sie jemals gegessen hätte. Anschließend wurden Sie abermals in mehrere Gruppen aufgeteilt.

Meine Großmutter und meine Oma kamen mit mehreren anderen ehemaligen Nachbarn und Dorfbewohnern nach Oberhaching. Dort wurden Sie dann verschiedenen Familien zugeteilt. die ihnen ein Dach über dem Kopf gaben. Ein halbes Jahr darauf wurde mein Urgroßvater aus der Gefangenschaft entlassen und fand Gott sei Dank seine Familie in Oberhaching wohlbehalten wieder. Es war eine sehr schwere Zeit für Sie, da Sie mit nichts wieder ganz von vorne anfangen mussten.

Die Strapazen die Sie damals erlitten, haben bei meinen Urgroßeltern sowie bei meiner Großmutter tiefe Wunden hinterlassen, die teilweise (vor allem bei meinem Urgroßvater) nie verheilten. Aus diesem Grund können wir alle nur hoffen, dass es nie wieder zu so einem grausamen Krieg kommt.